Ich hatte die Zusage für meine Traumwohnung – und habe sie abgesagt.

Samstag Nachmittag: Ich öffne meine Immoscout-App und sage nur “ooooh Mama.” – mein Freund schaut mich verdutzt an. Ich starre auf’s Handy, wische durch die Bilder auf dem Bildschirm und scanne die Eckdaten. Dann gucke ich ihn an und sage: “Ich Gaube, unsere Traumwohnung wurde gerade inseriert.”

Da guckt man mal einen Tag nicht in die Immo-App

Ich gucke normalerweise jeden Tag in diese Apps. Freitag nicht. Wir wollen ja auch eigentlich gar nicht so richtig umziehen. Nur so halb. Weil es mit Hund eben klasse wäre, wenn man im Erdgeschoss wohnen würde. Vielleicht mit einem kleinen Stückchen Garten.
Und ich gucke, weil ich eben gern Wohnungen angucke. Die “Traumwohnung” wurde am Freitag inseriert. Eigentlich ist es am Samstagnachmittag also eh schon viel zu spät, um sich um einen Besichtigungstermin zu bewerben. Wir machen es trotzdem, rechnen aber nicht damit etwas zu hören.

Der Morgen danach

Wir waren am Samstagabend noch bei Freunden. Mal kurz auf einen Spieleabend – am Ende waren wir um drei zuhause. Dort haben wir auch von dieser Wohnung erzählt, die wir gesehen haben, bei der wir aber bestimmt eh nicht zum Besichtigungstermin eingeladen werden.
Am Sonntag wache ich um kurz vor 11 mit leichten Kopfschmerzen auf. Ich checke, ob mir in der App auf meine Nachricht geantwortet wurde. Nichts.

Ich scrolle durch Instagram, gucke mir nochmal die Bilder der Wohnung an. Scrolle durch Facebook, checke meine Mails und gucke zufällig nochmal in den Spam-Ordner. Im Spam-Ordner finde ich eine Mail vom Immobilien-Büro. Wir sind um 14:15 Uhr herzlich zur Besichtigung eingeladen. Ich bin kurz geschockt, wecke dann meinen Freund und renne die kommenden Stunden etwas panisch durch die Wohnung.

Die Besichtigung

Wir laufen also los. Die Wohnung liegt etwa 5 Gehminuten von unserer jetzigen Wohnung entfernt in einer ruhigen Nebenstraße mit kleinen Stadthäusern. Es ist ruhig, es ist grün, zum Zentrum ist es aber eben nicht viel weiter als vorher.
Wir gehen in die Wohnung und ich weiß sofort: das könnte passen. Fischgrätparkett und für eine Erdgeschoss-Wohnung unglaublich hell und einladend. Die Decken etwas niedriger, als bisher, aber dafür mehr Platz. Wenn man ehrlich ist: mehr Platz, als wir brauchen. Konkret: 110qm.  Zusammen mit uns besichtigt eine Familie die Wohnung und ich denke: für die wäre es perfekt.
Aber vielleicht wäre es für uns in ein paar Jahren auch perfekt – und dann?

Wir schweifen durch das Schlafzimmer, das Arbeitszimmer, das Wohnzimmer und huschen durch die kleine, aber feine Schiebetür ins Esszimmer. Von dort aus kommt man in einen wunderschönen Wintergarten von dem aus man direkt in den wunderschönen Garten gehen kann, der nur für uns da wäre. Ich sehe mich im Wintergarten mit Blick ins Grüne frühstücken, hänge im Geiste schon meine Lichterkette dort auf und sehe mich an Sommerabenden mit einem Glas Wein auf der Treppe in den Garten sitzen und dem zukünftigen Hund beim Spielen zusehen. Die restlichen Räume habe ich im Kopf auch schon eingerichtet. Hier das Sofa, da die Bücherregale. Eigentlich bräuchten wir nur einen Esstisch, aber der findet sich sicherlich.

Wieder im Haus gehen wir durch den Wintergarten in die Küche. Sie hat Terrazzo-Boden, den ich so liebe und wird vor dem Einzug komplett neu ausgestattet. Weiße Küchenzeile mit einer Arbeitsplatte aus Echtholz. Wie wunderbar. Dazu werden alle Rahmen, Türen, Leisten in der ganzen Wohnung noch frisch lackiert und die Wände neu tapeziert. Es kommt ein neues WC und ein neues Waschbecken.

Wir stehen in der Küche. Verhalten frage ich die Frage, von der ich denke, dass sie uns aus dem Rennen kicken wird: “Wie sieht’s denn mit einem Hund aus?”- natürlich ist auch das kein Problem. War doch irgendwie klar, schließlich scheint sich hier ja gerade alles zu fügen.

Wir drehen noch eine Runde, gucken hier und da. Gehen wieder zurück in die Küche. Dort fragen wir, wie es denn nun weiterginge. Wir nehmen die Selbstauskunft mit und schlendern aus der Wohnung.

Reflektion die Erste

Weil wir noch so aufgeregt sind, gegen wir erstmal noch eine Runde spazieren – und wir diskutieren über die Wohnung. Zuallererst: sie ist 150 Euro über unserem maximalen Budget. Und wir hätten dann zwei Gärten: wäre das nicht zu viel? Bad ohne Badewanne: ist das nicht irgendwie doof, wenn man jetzt eine hat? Mietvertrag unterschreiben, bevor alles fertig ist: ist das nicht richtig doof? Es ist doch auch irgendwie ein Zimmer zu viel. Und überhaupt: dieses Carport, was man für 100 Euro im Monat zusätzlich anmieten soll: das brauchen wir nicht!

Wir diskutieren und diskutieren. Wir gehen nach Hause, wir denken nach. Wir reden darüber. Wir werfen Fragen auf, zerreden diese und fangen wieder von vorne an. Am Ende haben wir uns ja noch nichtmal beworben, sage ich. Wir entscheiden uns also dafür, dass wir die Entscheidung vertagen und uns erstmal bewerben. Am Ende werden wir die Wohnung eh nicht bekommen.

Montag

Ich hefte also alle Bewerbungsunterlagen zusammen und bringe sie beim Immobilien-Büro vorbei. Den restlichen Tag diskutiere ich mit Freunden und Kollegen über diese Wohnung. Die eine Hälfte sagt “viel zu teuer, da fehlt am Ende das Geld an anderen Ecken” – die andere Hälfte sagt “Oh Gott, die müsst ihr nehmen, das ist eine einmalige Gelegenheit!” und je nachdem mit wem ich rede, ich bin seiner Meinung.

Ich fange eine Pro-und-Contra-Liste an und werfe sie frustriert in den Müll, weil sie komplett ausgeglichen ist.

Nachmittags schiebe ich das Fahrrad einer Freundin durch den strömenden Regen. Ich bin klitschnass und fluche vor mich hin. Warum auch immer hole ich trotzdem meine Mails ab. Wir haben die Wohnung und können zum 1.4. einziehen. Ich denke “Yay!!”, gefolgt von einem “Oh fuck.”. Meinem Freund geht es ähnlich.

Reflektion die Zweite

Ich gehe in den Supermarkt und kaufe erstmal eine Tafel Schokolade und eine Flasche Wein. Dann sitzen wir beide auf unserem Sofa, in unserer wunderschönen Wohnung, an der es nichts auszusetzen gibt und reden erneut über diese Traumwohnung, die wir jetzt mieten könnten.
Wie schon in den letzten Tagen gehen wir nochmal unsere Finanzen durch. Die Miete ist ungefähr 1/3 unserer beider Netto-Einnahmen. Rein finanziell passt das also. Aber wollen wir wirklich so viel Geld ausgeben? Eigentlich wollten wir ja weniger ausgeben. Aber für diese Wohnung?

Kaum bin ich überzeugt, dass ich die Wohnung nicht will, will mein Freund sie haben. Kaum ist es andersrum, will ich sie haben. Wir drehen uns im Kreis und ärgern uns darüber, dass wir uns mit solchen Luxusproblemen die Abende um die Ohren schlagen. Immerhin haben wir eine schöne Wohnung. Wir haben auch eigentlich genug Platz. Und überhaupt: so viel Wohnfläche – wo ist das denn noch nachhaltig?! Aber der Hund, der fände das ja schon toll, wenn er einen Garten direkt an der Wohnung hätte. Aber ich sehe mich auch nicht in drei Wochen umziehen.

150 Euro mehr im Monat klingt erstmal nach einer überwindbaren Hürde. Rechnet man das aber mal zusammen, verpulvert man da eben einfach mal einen netten Urlaub für die Miete. Am Ende des Abends hat der HSV knapp gewonnen, der Wein ist alle und wir haben uns mehr oder weniger entschieden. Ich setze ein Schreiben an den Vermieter auf, in dem wir unsere Gründe offen legen. Es endet mit dem Satz “Es tut uns leid, dass wir ihre Zeit verschwendet haben.

Dienstag

Wir wachen auf. Mein Freund will die Wohnung. Ich will sie nicht. Naja, eigentlich will ich sie schon. Aber rein rational gesehen will ich sie nicht. Ich kopiere das Schreiben ins Mailprogramm, klicke auf “Senden“.

Am Ende ist es manchmal doch besser das gute zu behalten, was man hat.

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