Stadt, Land, Stadtrand?

Was will ich sehen, wenn ich aus dem Fenster schaue? Einen grauen Innenhof? Die Häuserzeile auf der anderen Straßenseite? Lange habe ich mir darüber keinerlei Gedanken gemacht. Die Wohnung ist schön, die Lage perfekt. Aber ist es das, was ich langfristig will?

Diese Wohnung hier ist wunderschön – keine Frage. Und ich liebe auch unser Viertel. Wir wohnen hier super zentral und fast nebenan ist der Kieler Schrevenpark. Es gibt leckere Bäckereien, der Wochenmarkt ist nicht weit weg und seit einigen Monaten haben wir mit dem “Veganski” auch noch einen veganen Supermarkt gegenüber. In keinem Viertel Kiels habe ich mich bisher je wohler gefühlt.

Man kennt sich hier, man grüßt sich und es fühlt sich fast schon dörflich an. Aber wir sitzen auch in einer Sandwich-Wohnung im dritten Stock, unser Nachbarshund und Elli werden vermutlich keine Freunde mehr und irgendein Nachbar hat, glaube ich, einen neuen Subwoofer – gepaart mit einem schlechten Musikgeschmack. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich bekomme ähnlich wenig Schlaf, wie junge Eltern bei uns im Haus – nur halt ohne auch noch die Windeln wechseln zu müssen (immerhin!).

Es war, ab dem Moment wo Elli kam, klar, dass wir ‘hier oben’ nicht ewig werden wohnen können und wollen. Ab einem gewissen Alter, würden wir dem Hund so viele Treppen nicht mehr zumuten wollen.

Also begann ich langsam nach Wohnungen im Erdgeschoss zu suchen. Daraus wurden irgendwann Häuser mit Garten und plötzlich weitere sich mein Suchradius von unserem Viertel auf die Randgebiete der Stadt aus. Und irgendwie fand ich die Vorstellung immer attraktiver. Trotzdem schauten wir uns weiter Stadtwohnungen an, die wir, wieder und wieder ablehnten. Wie schön ist ein Garten mitten in der Stadt, wenn alle umliegenden Wohnungen auf dein Fleckchen grün starren können (und wenn man selbst ein Vermögen dafür zahlt)? Kann man es dann genießen?

Irgendwann kam dann der Punkt, an dem wir uns fragten: “Was wollen wir eigentlich?”

Also haben wir überlegt, was wir eigentlich wollen. Und warum wir eigentlich hier “mittendrin” wohnen. Ehrlich gesagt: uns fallen inzwischen nur noch sehr wenige Gründe ein, warum das so ist. Ich sehne mich nach Ruhe. Ich will aus dem Fenster schauen und mehr sehen, als die Fenster der Nachbarn. Und ich will meinen Garten gern direkt vor der Tür haben. Ich möchte meine vier Wände nach meinen eigenen Wünschen gestalten und ein paar Nachbarn weniger wären auch ganz nett.

Aber ich will auch nicht komplett ab vom Schuss leben – irgendwo auf dem Dorf, wo ich auf ein Auto angewiesen bin (zumal wir keins haben und das auch gern so bleiben darf). Ich arbeite aus dem Homeoffice und würde mich – glaube ich – völlig isoliert fühlen, wenn ich nicht ‘mal eben’ in die Stadt düsen könnte.

Ich möchte mit dem Rad zu allen Orten kommen, die ich mag. Ins Café, auf den Markt, in die Brauerei und zum Flohmarkt. Will mit Elli aber auch schnell im Grünen sein, wo wir unsere stundenlangen Runden drehen können. Mein Freund ist jahrelang gependelt und möchte bestenfalls weiterhin mit dem Rad zur Arbeit kommen.

Wenn ich mit Elli zu unserem Schrebergarten gehe, kommen wir durch Viertel und Randgebiete Kiels, die genau das haben, was ich gern hätte. Einfamilien-, Reihen- und kleine Mehrfamilienhäuser mit Gärten, ruhig gelegen, aber nicht komplett abgeschnitten. Kiel ist eine verhältnismäßig grüne Stadt und die Waldränder ziehen sich bis in die Stadtränder hinein. Ich gehe dort mehrmals die Woche längs und hätte mir vor einem Jahr nicht träumen lassen, dass ich hier wirklich mal wohnen will.

In meiner Traumvorstellung wohnen wir hier in einem kleinen (Reihen-) Häuschen, haben die Böden selber abgeschliffen, Türen selbst lackiert und Fliesen selbst verlegt. Ich habe ein Lastenrad, mit dem ich zum Markt düse, meine Einkäufe erledige und an Sommertagen steht die Gartentür den ganzen Tag offen, die Vorhänge wehen im Sommerwind und … – hallo. aufwachen.

Ich bin nicht allein auf der Welt mit diesem Wunsch. Irgendwie sucht (gefühlt) halb Kiel nach den gleichen Dingen, wie wir. In den Anzeigenportalen kommen überproportional mehr Gesuche nach diesem Profil rein, als Anzeigen, die diese bedienen würden.

Die Zinsen sind günstig. Alle wollen kaufen. So – inzwischen – auch wir. Aber der Markt reagiert auf die Schar der willigen Käufer mit Preisen, die sich gewaschen haben. Und ich denke mir so oft bei Angeboten “Ach, das zahlt doch keiner!” – Zack, verkauft. Huch?!

Wer kann es sich am Ende überhaupt noch leisten so zu leben? Und welchen Preis ist man selbst bereit zu zahlen? Ratenzahlung bis zur Rente? Kredit auf Kredit? Sollte man lieber jetzt zuschlagen, weil es eh immer teurer wird – oder beruhigt sich der Markt schon irgendwann? Wohnen ist die neue Soziale Frage, die sich langsam zuspitzt. Egal ob Miet- oder Immobilienpreise, wer soll sich das langfristig noch leisten können – und was macht das mit unseren Städten?

Was bringt es einem, wenn man weiß, was man will, wenn es doch irgendwie unrealistisch erscheint, dass es greifbar wäre?

Es ist ja nichtmal so, dass ich von einer 200qm-Villa mit Hallenbad und Sauna träume. 70-80qm mit einem schönen Garten würden mir ja schon völlig reichen. Aber wenn selbst das für uns unrealistisch erscheint – wozu dann überhaupt träumen?

Und was ist mit Menschen, die einfach nur eine 2-Zimmer-Wohnung suchen – und sich selbst die hier nicht mehr leisten können? Fragen über Fragen.

Ich für meinen Teil suche weiter (und hoffe auf ein Wunder?) und schätze mich glücklich, dass wir überhaupt eine schöne Wohnung haben. Wenn man Sucht, sieht man nämlich auch die anderen Suchen – und die haben meist schwerwiegendere Gründe, weshalb sie aus ihren Wohnungen rausmüssen, als meine Tagträumereien.

Eins habe ich mir aber vorgenommen: Egal wie lange es dauert, egal wie viele überteuerte Bruchbuden wir uns ansehen. Irgendwann wird’s klappen! Vielleicht nicht ganz so zentral. Vielleicht nicht ganz so grün, aber irgendwie wird das was werden. Und wenn das Traumhaus dann irgendwann vor einem steht, dann wird man auch genau wissen, dass es dieses Haus ist – und kein anderes.

Wie habt ihr euer Traumhaus gefunden? Anzeige in der Tageszeitung, unermüdliche Suche, über Empfehlungen von Freunden oder auf ganz anderem Weg?

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3 thoughts on “Stadt, Land, Stadtrand?”

  1. Gartennachbarn!
    Unsere Gartennachbarn haben ihren Garten verkauft und ihr richtiges Reihenhaus. Da dachten wir, bevor wir das empfehlen, müssen wir es uns selbst angucken. Mittlerweile wohnen wir seit 2,5 Jahren drin. Es ist null perfekt, aber ich glaube, es ist ganz wichtig zu wissen, welche Abstriche man machen kann und möchte. Uns ist die Lage wichtiger, als dass es nach Schöner Wohnen aussieht. Uns war die Bezahlbarkeit wichtiger, als der Fußboden… Lieber leben statt hohe Summen zu bezahlen; und unbezahlbar ist das Licht, und dieses Gefühl, dieses Haus hat sich genau uns ausgesucht!

  2. Hallo! Das kommt mir wirklich sehr bekannt vor! Wir sind in HH erst zur Miete vom Zentrum an den Stadtrand gezogen und haben, als sich K2 angekündigt hat und mal wieder ein Umzug anstand (Vermieter wollte verkaufen, aber zu teuer für uns) nach einem eigenen Haus gesucht. Die Preise zur Miete sind auch so absurd gestiegen hier, dass Kaufen immer sinnvoller erschien. 2017 haben wir unser Reihenhaus gefunden, es hob sich durch eine geschmackvolle Renovierung vom Standard ab, ist ansonsten aber einfach ein Reihenhaus. Für das gleiche Geld hätten wir in der nächsten Kleinstadt eine Villa bekommen – wir haben uns für das Reihenhaus mit S-Bahnanbindung entschieden und es bisher nicht bereut! Ich versuche es Stück für Stück schöner zu machen und finde es ist schon sehr persönlich mittlerweile 🙂
    Gefunden haben wir es über EbayKleinanzeigen und ohne Makler. (Die Villa hatte einen Makler).
    Ich wünsche dir ganz viel Glück bei der Suche!!

  3. Diese Gedanken und Sehnsüchte kenne ich nur zu gut. Wir haben vor 4 Jahren, als sich unser erstes Kind ankündigte, nach 1,5 Jahren intensiver Suche in Berlin eine tolle Wohnung zum Kauf gefunden (und auch endlich den Zuschlag gekriegt!). Nicht komplett ab vom Schuss (auch wegen dem Arbeitsweg) zu wohnen war uns genau so wichtig wie dir, der Stadtrand von Berlin ist außerdem überwiegend unattraktiv und/oder unbezahlbar. Daher 4. Stock ohne Garten. Jetzt haben wir nochmal Zwillinge bekommen und ich schaue mittlerweile sogar nach Alternativen in anderen Regionen Deutschlands… Bin auch langsam nicht mehr bereit, diese Abstriche zu machen, wir sind zudem sehr weit weg von der Familie. Es sind halt alles Phasen im Leben mit jeweils unterschiedlichen Bedürfnissen. Ich glaube, das Ruhebedürfnis nimmt im Alter einfach zu 😉 Und das, was man sich vor 1, 2 oder 5 Jahren noch nicht vorstellen konnte, wird plötzlich immer attraktiver. Ich hätte zwei Tipps für dich: 1. Falls ihr Kinder plant, kauft erst danach. Das ändert alles und dann weiß man erst so richtig, was man braucht und will. 2. Lasst euch von einem unabhängigen Finanzberater beraten. Wir dachten auch “Äh, das können wir uns doch niemals leisten…”. Aber es hängt u.a. vom Eigenkapital und euren Jobs ab, und wenn man Miete (die steigen wird) bis zum Lebensende zahlen muss, kann man auch Eigentum bis zur Rente abzahlen und hat dann noch was, das man den Kindern vererben kann. Außerdem gibt es ja auch immer noch die Option, wieder zu verkaufen oder zu vermieten!
    Vor 1,5 Jahren habe ich mich auch schonmal mit dem Thema “wo und wie wohnen” auseinandergesetzt, wenn ich darf: https://inspiriermich.de/berlin-ja-oder-nein/
    Alles Gute für dich!

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